Digitalisierung – so ein komisches Bauchgefühl

Wir mögen unsere kleinen digitalen Helferlein – das Schlauphon, das Navi, die Apps für den Fahrkartenkauf und die Musikerkennung. Trotzdem machen wolkige Begriffe wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz vielen Menschen irgendwie Angst. Da ist so ein komisches Bauchgefühl.

In ihrem Standpunkt für das Portal „Netzwerk Ethik heute“ setzt sich Sabine Breit mit der Frage auseinander, wie die “Digitalisierung” zu einer Standardisierung unseres Verhalten, unserer Sprache und unseres Denkens führen kann, was das für Qualifikation und Vielfalt bedeutet, ob wir als standardisierte Wesen leichter durch Algorithmen zu ersetzen sind und wie wir selbst Einfluss auf diese Entwicklungen nehmen können. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.

Kampflos glücklich

Worte formen unser Denken und unser Denken formt die Worte. So gehen Worte und Begrifflichkeiten (Logos) und der jeweilige „Zeitgeist“ (Logos) schon seit jeher eine Allianz ein und verstärken sich wechselseitig. Egal ob in der Gesellschaft insgesamt oder in Unternehmen, in denen der interne Zeitgeist gerne mit dem Begriff der „Unternehmenskultur“ zusammengefasst wird. In ihrem Essay für das Portal „Netzwerk Ethik heute“ setzt sich Sabine Breit mit der Frage auseinander, wie der Begriff des „Recht des Stärkeren“ und moderne Varianten davon bis heute Gesellschaft und Unternehmenslandschaften prägen, weshalb dieses kompetitive Konzept uns nicht mehr weiter bringt und wie eine wahrhaft kooperative, zukunftssichernde Unternehmenskultur über Sprache, Begrifflichkeiten und strukturelle Zeichen nachhaltig verankert werden kann. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.

Was die Pirahã am Amazonas mit Kommunikation in Unternehmen zu tun haben

Die Pirahã sind ein Stamm mit einer einzigartigen Sprache, die weder Zahlwörter noch das Futur und auch nicht wirklich die Vergangenheitsform kennt. Diese Entdeckung war eine linguistische Sensation, die einmal mehr belegte, wie eng Sprache, Kultur und Lebensweise miteinander verbunden sind und sich gegenseitig prägen. Denn in Ermangelung eines Futurs und einer Vergangenheitsform leben die Pirahã ausschließlich in der Gegenwart und kennen weder Zukunftsängste noch Ärger über Vergangenes. Und da sie ausschließlich in der Gegenwart leben, brauchen sie auch kein Futur und keine Vergangenheitsform. Sozusagen eine sich selbst verstärkende Wechselbeziehung.

Stämme gibt es aber nicht nur am Amazonas oder in anderen exotischen Gegenden unseres Globus, sondern praktisch in jedem Unternehmen. Es gibt den Juristen-Stamm, den Personaler-Stamm, den Marketing-Stamm, den IT-Stamm, den Vorstands-Stamm und viele andere Stämme, die zusammen die „Gesamtpopulation“ eines Unternehmens bilden. All diese Stämme haben ihre ganz eigenen Stammessprachen oder „Silo-Sprachen“, wie ich sie auch nenne. Sprachen, die unter anderem geprägt sind von dem fachlichen Umfeld, in dem sich ein Mitarbeiter bewegt, und dieses wiederum prägen.

Stammes- oder Silosprachen sind grundsätzlich etwas überaus Wunderbares, erleichtern und beschleunigen sie die Kommunikation innerhalb des Stammes doch ganz erheblich. Häufig genügen kurze Andeutungen, um sich zu verstehen. Außerdem sind sie ein Zeichen von Vielfalt im Unternehmen.

Wenn es allerdings darum geht, dass alle Stämme zu großen oder kleinen Pow-Wows zusammenkommen, um Entscheidungen für die Gesamtpopulation zu treffen und dann auch umzusetzen, sind Stammessprachen häufig kontraproduktiv. Sie führen zu Missverständnissen, Wiederholungen, häufigen Korrekturen und anderen Kommunikationsbarrieren, die nicht nur wertvolle Zeit kosten, sondern auch nicht unerhebliche Risiken nach sich ziehen können.

Dabei besteht die Kommunikationsbarriere häufig aus weit mehr als aus unterschiedlichen Fachbegriffen. So lebt der eine Stamm vielleicht vornehmlich im Futur oder im Konjunktiv, während andere Stämme die Vergangenheitsform oder das Präsenz bevorzugen. Der Tempus und Modus, in dem sich ein Stamm vorzugsweise sprachlich bewegt, kann ebenso viel über die dort herrschenden Vorstellungen, Wahrnehmungen sowie die dort wirkende Dynamik aussagen, wie die Metaphern, die bevorzugt verwendet werden. All diese hat dann wiederum Einfluss auf das Denken und Handeln.

Wenn Pow-Wows und die sich daraus ergebenden Maßnahmen und Vorhaben tatsächlich gelingen sollen, bedarf es einer ausreichend großen Kommunikationsschnittmenge. Das bedeutet, es sind Bedingungen herzustellen, die einen wirksamen Dialog ermöglichen, bei dem alle Stämme gehört werden, einander verstehen und so in die Lange versetzt werden, gemeinsam zur bestmöglichen Lösung für die Gesamtpopulation zu gelangen.

Wie diese Kommunikationsschnittmenge gebildet wird, ist von Unternehmen zu Unternehmen und von Aufgabe zu Aufgabe unterschiedlich. Zuweilen reicht es tatsächlich, sich im Vorfeld auf eine gemeinsame Definition einiger Begrifflichkeiten zu einigen. In anderen Fällen müssen die Stammessprachen erst einmal analysiert werden, um zu sehen, in welchen Wahrnehmungswelten die Stämme unterwegs sind und wie diese den anderen Stämmen vermittelt werden können.

So kann beispielsweise der Begriff „Risiko“ in Zusammenhang mit einem Vorhaben in unterschiedlichen Stämmen völlig verschiedene Bilder im Kopf auslösen und damit zu unterschiedlichen Verhaltensweisen führen: Während der eine Stamm etwa im ständigen Angriffsmodus lebt und es nicht abwarten kann, sich ungeachtet aller Gefahren sofort auf die ungewisse Jagd nach dem goldenen Kalb zu begeben – denn Angriff ist die beste Verteidigung – zieht es der andere Stamm vor, vorsichtshalber und grundsätzlich alle Hütten zu verbarrikadieren, falls sich herausstellen sollte, dass die Beute weder golden noch ein Kalb, sondern eine Chimäre ist. Wieder andere sitzen vor der Hütte und warten, bis das goldene Kalb in angemessener Geschwindigkeit vorbeigelaufen kommt. Somit lebt jeder Stamm in einer anderen Realität, in seinen eigenen Geschichten, die man sich rund ums Lagerfeuer seit Generationen so erzählt. In der Kommunikationsschnittmenge gilt es, diese Wahrnehmungswelten so zu vereinen, dass daraus ein stimmiges Bild für die Gesamtpopulation wird – eine gemeinsame Geschichte. In diesem Fall ein für das gesamte Unternehmen passender Umgang mit Risiken, mit den damit einhergehenden Regeln.

Zuweilen ist auch darauf zu achten, ob es Kolonialisierungstendenzen des einen oder anderen Stammes gibt oder diese sogar erwünscht sind. Kolonialisierung per Sprache kann sich erheblich auf ein Vorhaben bzw. die Prägung der Gesamtpopulation auswirken. Kommt es für das Gelingen eines Vorhabens oder die Zukunftsfähigkeit des Gesamtunternehmen auf Vielstimmigkeit an, kann alles aus dem Gleichgewicht geraten oder sogar zum Scheitern gebracht werden, wenn die Sprache eines Stammes dominiert. Ganz anders sieht es aus, wenn es für das Gelingen eines Vorhabens oder die Zukunft des Unternehmens essenziell ist, dass sich ein Stamm durchsetzt oder die Linie vorgibt.

In Unternehmen, in denen neben den Stammessprachen auch noch eine oder mehrere Fremdsprachen gesprochen werden, ist die Frage der Kolonialisierung von besonderer Bedeutung. Denn wie bei den Pirahã, die seit geraumer Zeit Portugiesisch lernen sollen, kann die Dominanz einer Sprache erhebliche Auswirkungen auf die Kultur und das Gefüge der Gesamtpopulation haben.

Fragen, mit denen Sie es sich im Ohrensessel gemütlich machen können

Welche Stämme nehmen Sie in Ihrem Unternehmen wahr und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen ihnen? Was funktioniert gut, was behindert die Zusammenarbeit? Gibt es Stämme, deren Geschichte und Sprache dominieren? Wenn ja, wie wirkt sich dies auf das Miteinander im Unternehmen aus? Wie beeinflussen diese Stämme die Regeln, die im Unternehmen gelten? Wie kommen die anderen Stämme mit der Anpassung an diese Regeln zurecht? Gibt es Gewinner und Verlierer? Oder gibt es ein gutes Miteinander der Stämme? Wenn ja, wie gelingt dies? Wie einigt man sich auf Geschichten und Regeln, und wie wird die Umsetzung sichergestellt? Wie geht es Ihnen ganz persönlich mit dem aktuellen Stammesgefüge?